ECOTROPICAL MONOGRAPHS NO. 1

© The German Society for Tropical Ecology

ECOLOGY AND SOCIAL ORGANIZATION OF THE BEARDED SAKI CHIROPOTES SATANAS CHIROPOTES (PRIMATES: PITHECIINAE) IN VENEZUELA (download)

by

ANGELA PEETZ

ABSTRACT

Bearded Sakis (Chiropotes satanas) are specialized frugivores with a large proportion of seeds in their diet. Studies in Brazil and Surinam showed that these primates prefer high tropical forests. Other than living in medium to large multi-male-multi-female groups, little is known about the social behavior and organization of the genus.
The aim of this study was to investigate the extent to which ecological parameters influence behavioural strategies in a group of Chiropotes satanas chiropotes at the northern limit of the species’ geographical distribution. Feeding ecology, activity budget, and ranging behavior were related to food abundance and monthly variation in the productivity of the habitat. Furthermore, social behavior patterns were considered in order to reveal aspects of the social organization of the Bearded Saki group. The study was carried out at one of the field sites of the “Proyecto de Primatología Ecológica de Guayana,” which was located on an island of about 180 ha (7°21’N, 62°52’W) in Lake Guri in Eastern Bolívar State, Venezuela. The climate was characterized by a distinct dry season. Behavioral data on the C. s. chiropotes group were recorded over 15 months employing 5-minute instantaneous scan-sampling and ad lib. observations on five consecutive days, with ca. 50 hours of observation per month. Data on the habitat were collected by quantifying the plant species composition, and by monitoring phenological cycles to assess peaks in relative productivity.
The floristic inventory (total 1.5 ha) amounted to 983 woody plants > 10 cm dbh, representing 128 species in 40 families. Canopy height averaged 9 m, with only 1.5 % of the trees attaining heights of 20 m or more. The species Importance Value indicated no leading species. Phenological data showed production of young leaves, flowering, and fruiting throughout the year. During the dry season, however, almost a quarter of the sample was fully defoliated. With regard to the distinct dry season, maximum tree height, and the striking presence of lianas in the forest, as well as the lack of a leading species, the forest type was classified as a “transitional semi-deciduous tropical moist forest.”
During the whole study, the Bearded Sakis exploited at least 100 plant species for food. Fruit was the primary food resource during every month, amounting to an annual average of 92.3 % of all feeding records. Seeds accounted for the largest quantity of food items derived from fruit, with an annual average of 50.7 %, and were the major food source during the dry season months. Flowers were 0.9 % of records, vegetative material 2.5 % and items of the second trophic level 3.9 %. Pradosia caracasana (Sapotaceae) was the most important food plant, with 37,0 % of the annual feeding records, while its parasite Oryctanthus alveolatus (Loranthaceae) accounted for another 18.6 %.
Daily activity of the study group started before or with first light and ended well before sunset. Feeding comprised the largest part of the annual activity budget (37.0 %), and was most frequent in the dry season. Foraging was recorded as 10.1 % of activity, travelling 18.7 %, and resting 21.4%. Other behavior patterns accounted for 12.8 %.
The study group used an area of 122,25 ha, but 50 % of all utilization was recorded in only 15.75 ha. The annual average daily path length amounted to 1.6 km, with daily path lengths ranging from 0.5 to 2.7 km. Ranging behavior was influenced by the availability of Pradosia caracasana fruit.
All social interactions with social resting (5,8 %), social play (5.6 %), allogrooming (5.0 %), and other behavior patterns of a sexual, associative or agonistic context comprised 17,9 % of the group’s annual activity budget. The amount of social interactions decreased when the proportion of seeds in the monthly diet was high, whereas it increased when the Bearded Sakis fed on juicy fruits. While the amount of grooming activity remained almost constant throughout the study period, play behavior distinctly decreased during seed-feeding months.
Considering the high amount of social interactions, and some apparently ritualised behavior patterns, strong ties between individuals seem to be prevalent in the social organization of the study group. Affiliative behaviors directed at the breeding male, as well as his involvement in agonistic interactions and appeasement behaviors, indicated a male dominance. Since there was only one adult male in the Bearded Saki group, behavioural data on groups with more adult males are needed to distinguish the breeding system of C. s. chiropotes.

ZUSAMMENFASSUNG

Bartsakis (Chiropotes satanas) sind spezialisierte Fruchtfresser, deren Nahrung zu einem großen Anteil aus Nüssen und Samen besteht. Freilandstudien in Brasilien und Surinam haben gezeigt, dass diese Primaten hohe tropische Wälder bevorzugen. Außer der Tatsache, dass Bartsakis mittlere bis große Mehr-Männchen-Mehr-Weibchen Gruppen bilden, weiß man nur wenig über ihr Sozialverhalten und ihre soziale Organisation
Ziel dieser Studie war aufzuzeigen, inwieweit ökologische Parameter die Verhaltensstrategien einer Gruppe von Chiropotes satanas chiropotes an der nördlichen Grenze des Verbreitungsgebietes der Art beeinflussen. Nahrungsverhalten, Aktivitätsbudget und Habitatsnutzung wurden in Relation zum Nahrungsangebot und dessen monatlichen Veränderungen untersucht. Außerdem wurden soziale Verhaltensmuster analysiert, um Hinweise auf die soziale Organisation dieser Gruppe von Bartsakis zu erhalten.
Die Studie wurde im Rahmen des „Proyecto de Primatología Ecológica de Guayana“ auf einer ca. 180 ha großen Insel (7°21’62°52’W) im Stausee von Guri im Estado Bolívar, Venezuela, durchgeführt. Das Klima zeichnete sich durch eine ausgeprägte Trockenzeit aus. An einer Gruppe von C. s. chiropotes wurden über einen Zeitraum von 15 Monaten Verhaltensdaten an jeweils fünf aufeinanderfolgenden Beobachtungstagen mit ca. 50 Beobachtungsstunden pro Monat nach dem „instantaneous scan-sampling“ in 5-Minuten-Intervallen und mit zusätzlichen ad lib. Beobachtungen aufgenommen. Außerdem wurden Daten zur Vegetationszusammensetzung und zur Phänologie der Pflanzen erfasst.
Die Vegetationsanalyse auf insgesamt 1,5 ha ergab 983 Bäume und Lianen > 10 cm BHD aus 128 Arten in 40 Familien. Die durchschnittliche Kronendachhöhe betrug 9 m. Nur 1,5 % der Bäume erreichten Höhen von 20 m und mehr. Der „species importance value“ deutete auf keine dominanten Pflanzenarten hin. Die Daten zum phänologischen Zustand der Pflanzen zeigten, dass zu jeder Zeit im Jahresverlauf junge Blätter, Blüten und Früchte vorhanden waren, während der Trockenzeit warf jedoch fast ein Viertel der Stichprobe alle Blätter ab. Aufgrund dieser pflanzenphänologisch erkennbaren Trockenzeit, der maximalen Baumhöhe und der Vielzahl der Lianen wurde der Waldtyp als teilweise laubabwerfender, feuchter tropischer Übergangswald eingeordnet.
Während der gesamten Beobachtungszeit nutzte die Gruppe von Bartsakis mindestens 100 Pflanzenarten als Nahrungsressource. Früchte waren in jedem Monat der wichtigste Nahrungsbestandteil und umfassten im Jahresmittel 92,3 % aller Beobachtungen zur Nahrungswahl. Dabei entfiel der größte Anteil mit 50,7 % auf Samen und Nüsse, die die wichtigste Nahrungsquelle in der Trockenzeit bildeten. Vegetatives Pflanzenmaterial wurde zu 2,5 % und Blüten zu 0,9 % genommen. Nahrung tierischen Ursprungs betrug durchschnittlich 3,9 %. Die wichtigste Nahrungspflanze war Pradosia caracasana (Sapotaceae) mit einem Anteil von 37,0 % der jährlichen Ernährung. Auf ihren Parasiten Oryctanthus alveolatus (Loranthaceae) entfielen weitere 18,6 %.
Die tägliche Aktivitätsphase der Beobachtungsgruppe begann kurz vor oder mit dem ersten Tageslicht und endete deutlich vor Sonnenuntergang. Im Aktivitätsbudget machte das Nahrungsverhalten mit 37,0 % im Jahresmittel den größten Anteil aus mit höchsten Werten in der Trockenzeit. Das Fortagieren betrug 10,1 %, die Fortbewegung 18,7 % und das Ruhen 21,4 %. Verschiedene andere Verhaltensweisen umfassten weitere 12,8 %.
Chiropotes satanas chiropotes nutzte auf der Insel ein Gebiet von insgesamt 122,25 ha. Dabei entsprachen 50 % der Habitatnutzung nur 15,75 ha. Die von der Gruppe zurückgelegte Tagesstrecke betrug im Jahresmittel 1,6 km, wobei die Tageswerte von 0,5 km bis 2,7 km schwankten. Die Nutzung des Habitats und die zurückgelegten Wegstrecken wurden durch die Verfügbarkeit von Pradosia caracasana-Früchten beeinflusst.
Der Anteil sozialer Verhaltensweisen betrug insgesamt 17,9 % des jährlichen Aktivitätsbudgets. Dabei entfielen 5,8 % auf das Soziale Ruhen, 5,6 % auf das Sozialspiel, 5,0 % auf das Allogrooming und 1,5 % auf weitere soziale Verhaltensweisen aus sexuellem, assoziativem oder agonistischem Kontext. Der monatliche Anteil sozialer Verhaltensweisen nahm ab, wenn der Anteil an Samen und Nüssen in der Nahrung hoch war. Dagegen stieg er an, wenn die Bartsakis saftige Früchte nutzten. Während das Grooming im Monatsmittel über den gesamten Beobachtungszeitraum weitgehend konstant blieb, zeigte sich im Spielverhalten ein deutlicher Einbruch in den Monaten mit einem hohen Anteil an Samen und Nüssen in der Nahrung.
Anhand des hohen Anteils sozialer Interaktionen und einiger ritualisierter Verhaltensmuster zeigte sich, dass starke interindividuelle Beziehungen die soziale Organisation der Beobachtungsgruppe prägen. Insbesondere auf das züchtende Männchen gerichtete affiliative Verhaltensweisen sowie sein Eingreifen bei agonistischen Interaktionen und sein Beschwichtigungsverhalten deuten eine Männchen-Dominanz an. Da in der Gruppe von Bartsakis nur ein adultes Männchen war, sind Verhaltensdaten an Gruppen mit mehr als einem adulten Männchen erforderlich, um das Fortpflanzungssystem von C. s. chiropotes näher zu differenzieren.

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